diener vieler herren

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    Geschichte wird geschrieben, es geht voran. 30 Jahre Karl-Heinz Kurras (der Polizist, der am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg erschoss). Inge Viett lässt sich von Spiegel-TV und Küppersbusch („Privatfernsehen“) in die Nasenlöcher schauen. Kein Wochenende ohne Seminare, Meetings, Veteranenstammtische zum Thema: Damals war’s, die APO, die linksradikale Bewegung und die Republik, die nach diesem Wirbelsturm der 60er und 70er Jahre nicht mehr die Gleiche sein würde (frei nach Rudi Dutschke).

    Hinz & Kunz melden sich zu Wort, Dabeigewesende und solche, die’s gern gewesen wären. Uralte Verletzungen und Eitelkeiten tauchen aus der Versenkung auf und werden per offenem Brief in der „Zeit“ und anderswo gleich im halben Dutzend dem Publikum um die Ohren gehauen. Auffällig ist, dass die damaligen Ereignisse, die das Land so nachhaltig wie kein anderes Nachkriegsgeschehen verändert haben, ausgerechnet im „Spiegel“ unglaublich tendenziös verbraten werden. Auffällig ist auch, dass man sich dabei immer wieder der gleichen halbseidenen Figuren bedient, wenn es um die (ansonsten totgeschwiegene) „Bewegung 2. Juni“ geht: Bommi Baumann und Till Meyer. Ersterer ein Junkie, der sich bereits Anfang der 70er – bevor alles anfing – mit Geldern der Bewegung nach Asien absetzte. Ein ebenso großmäuliger wie ängstlicher Zeitgenosse, dessen Aussagen über die Mitglieder der „Bewegung 2. Juni“ dutzende von Seiten in unseren Stasiakten (und nicht nur dort…) füllen. Der andere, Till Meyer, ist nicht weniger zwielichtig. Jahrelang bespitzelte er die taz, bei der er volontierte, und seine wenigen Freunde, die ihm nach dem Knast noch blieben, für die Stasi.

    Geschichte wird geschrieben. Sie kann nicht denen überlassen werden, die sie verzerren, fälschen und als Tanzboden der eigenen Lebenslüge missbrauchen. Die Nachgeborenen haben ein Recht auf umfassende Information. Ein kleiner Versuch in dieser Richtung soll die nachfolgende (Neu-) Besprechung des Buches von Till Meyer „Staatsfeind – Erinnerungen“ sein (Spiegel-Buchverlag und Hoffmann und Campe Verlag, 1996) sowie ein paar Bemerkungen darüber hinaus.

Diener vieler Herren

Meyer, machen Sie mal eine typische Handbewegung: „Klackend repertierte ich ein letztes Mal das ganze Magazin der Pumpaction – alle Schrotpatronen zogen sauber durch und flogen glatt raus.“ Aha.

Nur ein paar Seiten weiter wird alles klar: hier hat ein echter Proletarier ge­schrieben; der Autor wird nicht müde, dies immer wieder zu beteuern. Die Proletarier wohnen in 150 qm großen 5-Zimmerwohnungen in Friedenau und der Proletariervater arbeitet beim Nazi-Rundfunk.

Schnitt. Die Air Force und die Rote Armee waren kurz da und die mit der Gnade der Nachgeburt dürfen nun wieder aus purer Blödheit in der Schule Proletarier sein.

Fassen wir kurz zusammen: Es gibt Leute, die wären gern jemand Anderes. Die basteln sich ihre individuelle Legende nach dieser Wunschvorstellung. Und es gibt Leute, die än­dern kurzerhand die Geschichte, um der sein zu können, der sie sein wollen.

Wir schreiben das Jahr 1972. Till Meyer gründet die „Bewegung 2. Juni“ und „Hedwig“ erfindet gleich den Namen dazu. Welche Duplizität der Ereignisse: zur gleichen Zeit wird die „Bewegung 2. Juni“ noch einmal gegründet, im Keller einer ehemaligen Kreuzberger Bäckerei, und der Verfasser dieser Zeilen und Ralf Reinders und Ina Siepmann und Gabriele Kröcher-Tiedemann und ein paar Andere – aber kein Meyer waren dabei.

Was war geschehen? Geraume Zeit vorher lernte der Schreiber dieser Zeilen einen Till Meyer kennen. Doch das kann unmöglich der Meyer aus dem „Staatsfeind“ gewesen sein; denn der hatte zu dieser Zeit doch schon mindestens die Hälfte der linksradikalen Bewegungen gegründet, eine antiautori­täre Initiative nach der anderen aus der Taufe gehoben, jahrelange harte Basisarbeit geleistet, gelitten, gekämpft und sogar schon mal gekifft. Er hatte bei Ulrike Meinhof auf dem Podium gesessen, Rudi Dutschke das Knie getätschelt und mit Andreas Baader gefachsimpelt.

Wer war dann aber der Till Meyer, den ich damals an der äußersten Peripherie der antiautoritären Jugendrevolte (die heutzutage in FU-Seminaren gern in eine „Studentenrevolte“ umgelogen wird) traf? Die halbseidene Figur, der schnelle Deals mit Diesem & Jenem wichtiger waren als das, was wir seinerzeit als „Politik in der ersten Person“ begriffen? Der damals zusammen mit seinem Pass-Mann P. kleine miese Überfälle verübte, bei denen es darum ging, irgendeinem äl­teren Pförtner solange zuzusetzen, bis der – mehr oder weniger blessiert – die paar Kröten rausrückte, die Meyer anschließend in den Puff schleppte.

1975 verhaftet ein Kommando der „Bewegung 2. Juni“ den damaligen westberliner CDU-Vorsitzenden Lorenz und gibt ihn kurze Zeit später gegen 5 Gefangene, die in den Südjemen ausgeflogen werden, wieder frei. Streifen wir also kurz den Meyer, der die Lorenz-Entführung schon jahrelang im Detail auf Tasche hatte, bis er endlich die Hanseln traf, die das Ding unter seiner Führung mit ihm durchziehen würden. Dass die darüber ganz anderer Meinung sind, kann nur die blanke Missgunst gegenüber dem Genius Meyer sein (vergl. „Bewegung 2. Juni“ von Ralf Reinders und Ronald Fritzsch, ID-Verlag, 1996).

Nun wenden wir uns dem Wahren Meyer zu, dem genialen Taktiker und Vorauschauer. Da gab es ein paar Mädels, die erst später zur „Bewegung 2. Juni“ gestoßen waren. Die die Haschrebellen eigentlich ziemlich eklig und unpolitisch fanden und lieber bei der stalinistischen RAF Ankratz gehabt hätten. Als dieselbe ende der Siebziger furios zu verenden drohte, wurde die „Bewegung 2. Juni“ – in bester bolchewistischer Putschmanier – mal eben für aufgelöst bzw. als zur RAF übergelaufen deklariert. Meyer at his best: heimlich der Erklärung zugestimmt, seinen Genossen gegenüber aber alles abstreiten. Genial auch seine Herauslösung aus dem Hochsicherheitstrakt in Moabit: Geheimverhandlungen mit den Behörden, hinter dem Rücken seiner Mitgefangenen – selber Schuld, dass die zu blöd für diesen genialen Schachzug waren.

Der Wahre Meyer versteht die Welt zwar nicht, aber er kann sie am Besten inter­pretieren:

1. Politik ist Scheiße. 2. Moral ist Scheiße. 3. Geld stinkt nicht. 4. Macht ist geil. Und wenn man selber ohnmächtig ist, muss man mit denen kuscheln, die Macht haben. Dann kriegt man eventuell etwas davon ab. Auf jeden Fall muss man nicht länger am Katzentisch sitzen. Ergo: ich rebelliere solange gegen „die da oben“, bis ich selber dazu gehöre.

Damen und Herren, der Wahre Meyer hat jetzt seine Reiseflughöhe erreicht: „Eines Sommernachmittags klopfte es an die Tür meiner Kreuzberger Wohnung.“ Ja, endlich, DIE FIRMA steht auf der Matte (allerdings gibt es Hinweise, dass dieser Kontakt sehr viel älter ist). Und der Freund raunt: „Hier ist doch sogar der Wetterbericht antikommunistisch.“ Da fackelt Meyer nicht mehr lange: „Und ich war bekanntermaßen ein Verteidiger der DDR und vehementer Verfechter der deutschen Teilung.“ Unseren besonderen Respekt verdient diese Meinung, wenn sie von einem saturierten Westler, hart gebeutelt von der Last des Konsums und des Umherreisens, geäußert wird.

Kleiner Einschub des Verfassers: Als ich ende 1984 aus dem Kahn kam, hatte die Stasi zwar schon eine fette Akte über mich, aber Durch- und Einreiseprobleme hatte ich keine (bis auf die peniblen Filzereien durch die DDR-Grenzbullen). Als Meyer aus dem Knast kam und ich ihm mal klarmachte, was ich von diesem pseudosozialistischen Treppenwitz mit Namen DDR halte, änderte sich alles rapide: Einreisesperre folgte auf Einreisesperre, die letzte davon am Tag, als Schabowski versehentlich die Mauer öffnete. Honi soit qui mal y pense.

„Staatsfeind Nr. 1“ – darunter tut er’s nicht. Mag man im BKA darüber auch schmunzeln, welches Kaliber der Dreigroschenjunge als Stasispitzel hatte, zeigt der Anschein, dass – angeblich – seine komplette Akte vernichtet wurde. Weshalb das Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft gegen ihn eingestellt worden sei. Welchen Zeugniswert hat dann der MfS-Überläufer, der ihn 1992 zwingen konnte, sich selbst zu outen? Und seine eigene detaillierte Selbstbezichtigung? Fragen über Fragen….

Dann überstürzten sich die Ereignisse, und Meyer verpasst den Fall der heißgeliebten Mauer in Chile, wo er natürlich wieder in höchst wichtigen und geheimen Dingen unterwegs ist: „La caida del Muro en Berlin…“. Der Wahre Meyer heulte und hätte am liebsten die Panzer los­gelassen: „Es wird Bürgerkrieg geben, sie werden doch ihren Staat nicht kampflos der Konterrevolution überlassen.“ Und: „Wo ist die Partei, die FDJ, die Massen müssen auf die Straße, gegenhalten, schimpfte ich.“ Es nützte alles nix: „Wochenlang lag ich richtig krank im Bett und weigerte mich, Nachrichten zu hören.“

Der Wahre Meyer wäre nicht der Wahre Meyer, wenn er nicht auch aus diesem Bett wieder auferstanden und sein Mäntelchen aufs Neue gerichtet hätte. Der alte Führungsoffizier sitzt erstmal, wo ist der nächste? (die Konditionen sind bekannt). In der Chefetage eines bekannten deutschen Nachrichtenmagazins hat es mittlerweile einen Wechsel gegeben. Seriosität ist eine feine Sache, aber das Publikum ist gierig und der Druck der Boulevardpresse ist mächtig. Verehrte Leserin, verehrter Leser, Sie ahnen es bereits, Meyer ist wieder an Deck und in Lohn & Brot. Sein neuer Führungsoffizier zahlt nicht schlecht. Meyer wohnt jetzt endlich in Ku’dammnähe, trägt feinen Zwirn und verkehrt mit Leuten von Rang und Einfluss. Unsere Spione in Meyers Proletariermilieu flüstern: es wimmelt von Architekten und Rechtsanwälten. Da erscheint auch der Führungsoffizier von einst wieder aus dem imperialistischen Knast: Let’s go west, Meyer, eine Immobilienfirma in Trier wartet auf uns. Unmengen blöder Bauern wollen abgezockt werden. Doch dann muss der Führungsoffizier plötzlich erfahren, wer ihn denunziert und damit in den Knast gebracht hat…. (wird fortgesetzt).

Knofo